Es ist mir Ehre und Verpflichtung zugleich, einige Zeilen nachlegen zu dürfen. Zweifelsohne ist dies kein leichtes Unterfangen, gerade angesichts der sprachlichen Geschliffenheit und Feinheit der Gedichte. In den zurückliegenden Jahren hat sich deren Ausdruckskraft immer wieder Schritt für Schritt geweitet.
Meine Hochachtung auszudrücken, vor dem Mut und der stets aufs Neue aktivierten Schöpferkraft, vor dieser über 10-jährigen Geschichte des Schaffens, ist mir eine Herzensangelegenheit, da ich selbst die Früchte dieser Arbeit in Form von Songtexten ab und an genießen konnte und immer noch kann.
Der Sinn eines einführenden Nachworts liegt wohl insbesondere darin, den werten Leser/-innen das vorliegende Werk ein Stück weit näher zu bringen. Angesichts dieses Unterfangens tauchen zwei Gedanken bei mir auf:
Den ersten möchte ich aus dem Stichwort des „Mutes“ entwickeln. Der ursprüngliche Wortsinn bezeichnete die triebhaften Gemütserregungen und seelischen Erregungszustände. Häufig wurde „Mut“ auch im Sinne von „Zorn“ verwendet. In diesem Sinne trifft dieses Wort vom „Mut“ auf eine Vielzahl der Gedichte zu, drückt sich doch immer wieder das ganz persönliche Erleben des Autors in ihnen aus. Sein Schreiben ist ein Schreiben aus tiefster seelischer Erregung heraus. Ja vielleicht lässt sich dieses ganze künstlerische Schaffen als ein „Ver-mitt-eln“ zwischen den tiefsten Tälern und den höchsten Gipfeln begreifen. Nicht umsonst werden die Künste ja als ein möglicher Weg der Selbst-Erkenntnis betrachtet, da der kreative Schaffensprozess stets auch Aspekte der Reinigung und Läuterung beinhaltet. Diese eigene innere Reinigung und Läuterung erfordert nun eben auch „Mut“ in unserem heutigen Sinne, also Tapferkeit, Beharrlichkeit und Ehrlichkeit.
Doch da ist noch ein weiterer Gedanke, von dem ich nicht weiß, ob er auf Zustimmung treffen würde. Unsere moderne, populäre Form der Kultur hat eine enorme Verbreiterung des schaffenden Basis mit sich gebracht: Eigentlich gibt es – außer dem eigenen „inneren Schweinehund“ - keine wirklich ver-hindernden Hürden mehr, sich künstlerisch zu entfalten.
Kunst ist, in ihrer Produktion wie in ihrer Konsumierung nicht mehr bestimmten sozialen Schichten vorbehalten, noch bedarf sie einer umfassenden Vor- oder Ausbildung, was das explodierende Autodidaktentum belegt.
Diesen durchaus positiven Entwicklungen steht jedoch eine frag-würdige Entwicklung gegenüber: Die Orientierung an Erfolg und „Wert“ eines Kunstwerks, mit dem immer auch eine gewisse „Veräußerung“ verbunden ist. Wahrgenommen wird somit nur die „äußere Fassade“: Auflage, Anzahl der Veröffentlichungen und Preise etc. pp.
Gleichgültig von welcher Art der „Schönheit“ diese Fassade ist, hinter ihr steht immer ein konkreter Mensch mit konkreten Erfahrungen, Nöten, Ängsten, aber auch Hoffnungen, Träumen, die sich in einem Kunstwerk „entäußern“ nach außen dringen. Dies an sich ist in jedem Falle ein ganz wunderbarer und zutiefst menschlicher Vorgang. Die Kühnheit zu ergreifen, ein Kunstwerk zu kritisieren, vermag nur jemand, der diesen schwierigen Weg der Selbstentäußerung aus eigener Erfahrung kennt und um die Zweifel weiß, die damit verbunden sind.
In diesem Sinne will ich Sie, liebe Leser/innen dazu einladen, hinter die Fassaden zu schauen. Das Konsumieren von Kunst, in diesem Fall, das Lesen von Gedichten, kann somit seinen ureigensten Wert in sich selbst entfalten. Ein „Lesen um des Lesens Willen“, fast schon ein meditatives Lesen also, kann zu einem wichtigen Teil unserer eigenen Selbst-Erkenntnis werden. In diesem Geschehen erkennen wir uns selbst, unser eigenes Spiegelbild, wenn auch unter Umständen in vollkommen verzerrter oder veränderter Form. Das Lesen löst in uns eine Reaktion aus. Dieses Lesen und damit das zugrunde liegende Schreiben bzw. Dichten hat kein Ziel oder keine Richtung, es ist „nur“ Ausdruck des Mensch-Seins.
Martin Nugel |